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The Arctic Circle Race in Grönland, 1997
Ein ungewöhnlicher Skilanglauf-Wettbewerb
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Grönland, weitgehend unberührtes Land – nein, eigentlich ein Kontinent, eine Welt für sich aus Eis und Schnee. Ein Triumph der Natur über den Einfluß des Menschen. Doch es gibt auch Leben in den eisfreien Küsten-bereichen, Tiere, Menschen. Im Winter spuren nicht nur Hundeschlitten und Motorschlitten über die bergige Schneelandschaft, auch Skilanglauf ist möglich - allerdings meist unter erschwerten Wetterbedingungen.
     Erstmals war in diesem Jahr ein Skilanglauf-Rennen ausgeschrieben, über 160 Kilometer an drei Tagen: The Arctic Circle Race. Wir Mitteleuropäer, die wir gewohnt sind, mit hautengem Rennanzug zu starten, mußten die Bedingungen und Auflagen als sehr ungewöhnlich empfinden. Jeder Teilnehmer hatte Wärmekleidung, Notverpflegung und Getränke auf dem Rücken mitzuführen, um im extremen Notfall 24 Stunden in Eiseskälte überleben zu können. Eine Vorsichtsmaßnahme, aber, wie sich zeigte, nicht unberechtigt. Wichtig auch Gesichtsmaske, warme Handschuhe, Schneebrille. Dann eine weitere arktische Herausforderung, nämlich zwei Übernachtungen im kleinen Zelt. Jeder hatte selbst für seine Verpflegung auch an den Renntagen zu sorgen. Im Zelt wurde ein Kochgerät bereitgehalten.
     Gelaufen wurde aus logistischen Gründen in drei Gruppen, jeweils einen Tag zeitversetzt. Die Veranstalter, der grönländische Tourismusverband und der grönländische Skiverband, hatten hohe organisatorische Anforderungen zu bewältigen. Um es vorweg zu sagen, die Verantwortlichen haben diese Aufgabe hervorragend gemeistert. Es waren viele Menschen mit Idealismus im Einsatz. Allein dies zu erleben, war die Reise wert.
     Ich wollte dabei sein. Aber konnte ich als 68jähriger die zu erwartenden extremen Belastungen meistern? In den meisten Schneeregionen der Welt bin ich schon Rennen gelaufen. Im vergangenen Winter war ich besonders aktiv, übermütig und auch erfolgreich: Dies würde das zwanzigste Rennen in diesem Winter sein. Zum Abschluß also der Höhepunkt: eine Herausforderung, ungewöhnlichen Anforderungen zu entsprechen und bisher nicht Gekanntes zu erleben. Ich wußte um zwei wichtige Voraussetzungen: schnelle Regeneration nach harten Renntagen und gute Durchblutung als wichtigster Schutz gegen die arktische Kälte. Ein Risiko: Mit zunehmendem Alter verzögert sich nämlich die Regeneration beziehungsweise verringert sich die Durchblutung.
     Dabei leiteten mich die Erwartungen, den eigenen Körper im Grenzbereich zu erfahren, sowie die Natur zu erleben, nicht nur als Betrachter, sondern ein Stück Weges eins sein mit dem arktischen Winter und schließlich die Begegnung mit Menschen.
     In Kangerlussuaq, einer ehemaligen amerikanischen Militärbasis, kamen wir an. Hier sollte gestartet werden. Es gab die erste Improvisation. Der Schnee war nicht ausreichend, deshalb sollten wir nach Sisimiut an der Küste geflogen werden. Ein kleiner Flieger mit neun Sitzplätzen stand zur Verfügung. Ich war dem letzten Flug zugeteilt. Es war spannend, denn der Pilot mußte wegen schlechter Sicht mit den Gruppen vorher zweimal umkehren. Deshalb gab es eine Verzögerung bis zum Spätnachmittag. Er hat das Loch in der Wolkendecke gerade noch gefunden und konnte auf der Eispiste landen. Im Schneetreiben wurden wir mit Motorschlitten im Höllentempo ins Quartier gebracht. Mal was Neues.
     Gewissenhaft wurden wir informiert und ermahnt. Jeder bekam noch ein Überlebensset, bestehend aus einer beschichteten Folie, einem Plastiksack als Wärmeschutz und einer Signalpfeife. Wir hatten außerdem einen Kompaß mitzuführen. Es gibt keine zuverlässige Wetterprognose für Grönland, selbst am Vorabend nicht. Das Wetter kann mehrmals am Tag völlig umschlagen. Wir waren die Gruppe 2. Die Nachrichten über den ersten Renntag der Gruppe 1 waren nicht sehr aufbauend. Der Sieger war fünfeinhalb Stunden unterwegs, die letzten kamen nach mehr als zehn Stunden an. Es gab ein Dutzend Erfrierungen. In der Nacht sank die Kälte auf 27 Grad minus.
     Bei Sonnenschein und 18 Grad minus versammeln wir uns am Startfeld. Ein ungewöhnliches Bild: vierzig Leute mit dicken Rucksäcken, in warmer Kleidung. Ein Massenstart mal ganz anders: Rücksichtsvoll und behutsam gehen wir miteinander um. Wir reihen uns ein zu einer langen Fahrt. Jeder weiß, es wird kein schnelles Rennen geben im kalten, stumpfen Neuschnee. Wir haben auch prominente Läufer dabei: Konrad Hallenbarter aus der Schweiz, Vasalauf-Sieger und mehrmaliger Sieger beim Engadiner Skimarathon. Auch eine bekannte Spitzenläuferin aus Schweden. Zwölf Frauen haben wir in der Gruppe. In der Gruppe 3 startet Vegard Ulvang, norwegischer Nationalheld. Er läuft mit seiner Frau. Mein Ski ist gut gewachst. Wir laufen in der klassischen Technik. Beruhigt stelle ich fest, daß ich in den Abfahrten nichts auf die vorderen Leute verliere. Wir sind ja ein wahrhaft internationales Läuferfeld aus zehn Nationen, darunter vier Deutsche. In meiner Altersklasse habe ich es mit zwei knorrigen Norwegern zu tun. Den 60jährigen Kjell Asdall werde ich nicht packen können, wie ich beim Training gesehen habe. Aber mit dem Ivar Hostad aus meinem Jahrgang wollte ich mich schon messen. Wir alten Rennfüchse können es eben nicht lassen. So habe ich mich in seinen Windschatten gehängt. Auch im stumpfen Schnee möglichst ökonomisch gleiten - das geht auf Armkraft. Die Norweger können das. Auch das Rucksacklaufen ist in den bergigen Skigebieten Norwegens üblich. . . .

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